Frühlingstraum 


Ich träumte von bunten Blumen,
So wie sie wohl blühen im Mai; Ich träumte von grünen Wiesen, Von lustigem Vogelgeschrei.
Und als die Hähne krähten,
Da ward mein Auge wach;
Da war es kalt und finster,
Es schrien die Raben vom Dach.
 
Doch an den Fensterscheiben,
Wer malte die Blätter da? Ihr lacht wohl über den Träumer,
Der Blumen im Winter sah ?
Der Blumen im Winter sah ...
Ich träumte von Lieb' und Liebe,
Von einer schönen Maid,
Von Herzen und von Küssen,
Von Wonne und Seligkeit.
 
Und als die Hähne krähten,
Da ward mein Herze wach;
Nun sitz ich hier alleine
Und denke den Traume nach.
 
Die Augen schliess' ich wieder,
Noch schlägt das Herz so warm.
Wann grünt ihr Blätter am Fenster?
Wann halt' ich mein Liebchen im Arm?
( Winterreise Franz Schubert )
 

 

 



 

 

Bergpredigt

 

 

Selig sind, die da geistlich arm sind;

denn das Himmelreich ist ihr.

 

Selig sind, die da Leid tragen;

denn sie sollen getröstet werden.

 

Selig sind die Sanftmütigen;

denn sie werden das Erdreich besitzen.

 

Selig sind, die da hungert und dürstet

nach der Gerechtigkeit;

denn die sollen satt werden.

 

Selig sind die Barmherzigen;

denn sie werden Barmherzigkeit

erlangen.

 

Selig sind, die da reinen Herzens sind;

denn sie werden Gott schauen.

 

Selig sind die Friedfertigen;

denn sie werden Gottes Kinder heißen.

 

Selig sind;

die um Gerechtigkeit willen

verfolgt werden;

denn das Himmelreich ist ihr.

 

Selig seid ihr;

wenn euch die Menschen

um meinetwillen schmähen und verfolgen

und reden allerlei Übles wider euch,

so sie daran lügen.

 



 

 

Osterspaziergang


 Johann Wolfgang von Goethe

 

 

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick;
Im Tale grünet Hoffnungsglück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.

 

Von dorther sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer körnigen Eises
In Streifen über die grünende Flor;
Aber die Sonne duldet kein Weißes:

 

Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben;

 

Doch an Blumen fehlt's im Revier,
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.

 

Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurückzusehen.

 

Aus dem hohlen finstern Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.

 

Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,

 

Denn sie sind selber auferstanden
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,

 

Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.
Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge
Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
Wie der Fluß, in Breit' und Länge,
So manchen lustigen Nachen bewegt,

 

Und bis zum Sinken überladen
Entfernt sich dieser letzte Kahn.
Selbst von des Berges fernen Pfaden
Blinken uns farbige Kleider an.

 

Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,

 

Zufrieden jauchzet groß und klein.
Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!

 

 


 


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